Bildung der Zukunft - Expertin Pálsdóttir im Interview

„Da draußen gibt es eine Welt, mit der sich die Schule verbinden muss.“

Welche Fähigkeit in den kommenden Jahrzehnten unerlässlich sein werden. Ein Interview mit der Bildungsexpertin Kolbrún Pálsdóttir, Dekanin an der Universität Island in Reykjavík.

Ständig werden neue Technologien entwickelt, die uns das Leben erleichtern sollen. Automatisierungen sollen Prozesse beschleunigen, Künstliche Intelligenz auch komplexere Aufgaben lösen. Auch – oder gerade – in der Arbeitswelt sorgen diese für beträchtliche Veränderungen und steigenden Unmut unter zahlreichen Arbeitnehmern. Eines wird klar: Einzig durch Bildung kann einer sonst vorprogrammierten Massenarbeitslosigkeit vorgebeugt werden. Darüber, welche Inhalte und Fähigkeiten in der Zukunft unabdingbar sein werden und wie diese den künftigen Arbeitnehmern vermittelt werden können, habe ich mit Kolbrún Pálsdóttir, die sich besonders mit non-formaler Bildung beschäftigt, gesprochen.

Im Folgenden findet sich eine Niederschrift unseres Gesprächs, welches wir in englischer Sprache in den Räumlichkeiten der Universität Island im Rahmen der International Youth Summer School 2020 geführt haben. Das Interview wird in voller Länge als Video mit deutschsprachigen Untertiteln verfügbar sein.

Die Bedeutung non-formeller Bildung

Antonio Morelli (YNA): Sie sind Dekanin der Fakultät für Erziehungswissenschaften an der Universität Island und beschäftigen sich unter anderem mit formaler und non-formaler Bildung. Vielleicht könnten Sie unseren Lesern zu Beginn erklären, was non-formale Bildung ist und wie sich diese von formaler unterscheidet?

Kolbrún Pálsdóttir: Das ist eine sehr gute Frage. Wenn wir von non-formaler oder informeller Bildung sprechen, sprechen wir über all das Lernen, welches wir sowohl in unserem Alltag, als auch strukturierten Programmen, etwa außerschulische Programme, Jugendaktivitäten, etcetera. Dies ist also die Wissenschaft, die versucht ein Konzept einer Reihe von Arten des Lernens und der Bildung zu erstellen. In gewisser Weise lernen wir ja vom Zeitpunkt unserer Geburt an und auch wir, die wir hier sitzen lernen während wir miteinander reden. Aber auch formales Lernen und Strukturen, die Institutionen, wir haben Qualifikationen, wir haben Ausbildner. Und informelles Lernen bietet jungen Menschen, Schülern und Personen jeden Alters die Möglichkeit, in deren persönlichem Lernprozess wahrhaftig zu partizipieren. Also das sind die Unterschiede zwischen formaler und non-formaler Bildung, die Gelegenheit der Teilnehmer, ihre eigenen Möglichkeiten und Aktivitäten zu gestalten.

Weshalb messen Sie non-formaler Bildung solch eine Wichtigkeit bei?

Kolbrún Pálsdóttir: Ich denke, non-formale Bildung ist so wichtig, weil wir als Menschen diesen inneren Drang haben, zu lernen und wir auf solch vielen verschiedenen Arten lernen. Wir lernen und benutzen dabei all unsere Fähigkeiten und sensomotorische Kompetenzen, um an Informationen und Daten zu gelangen. Und wir nutzen dafür informelle Wege, indem wir uns mit anderen Menschen, mit unserem Umfeld verbinden. Es ist also eine Menge non-formalen Lernens, das in Schulen und im Bildungssystem vonstattengeht, es geschieht also fast überall. Das muss uns also bewusst sein, um davon besseren Nutzen zu machen, um non-formale und formale Bildung miteinander zu verknüpfen. Das ist es, weshalb ich glaube, dass formales und non-formales Lernen so wichtig sind.

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Nicht nur im Klassenraum erlernen Kinder und Jugendliche neue Kompetenzen. Foto: Monkey Business Images

Steigender Einsatz von Technologie in der Bildung

Während der COVID-19-Pandemie mussten und müssen viele Bildungsinstitutionen, wie zum Beispiel Schulen und Universitäten, zugesperrt werden, weswegen Technologien vermehrt genutzt wurden, um eine mehr oder weniger normale Fortsetzung der Arbeitsroutine abzusichern. Glauben Sie, dass diese Krise auch eine Chance, eine Zäsur, die zu einer moderneren Art des Lehrens und Lernens führt, sein könnte?

Kolbrún Pálsdóttir: Ja, ich bin mir ziemlich sicher, dass es offensichtlich eine riesige Lernkurve während der letzten Monate gab, in denen Bildungsinstitutionen die Art und Weise, in der sie arbeiten geändert haben, und dass wir so zumindest ein Jahrzehnt übersprungen haben. Dies war eine schnelle Entwicklung von Technologie, welche in die Gesellschaft und Schulen und in unser Leben Einzug hielt. Wir verwenden sie, um mit unseren Freunden, unserer Familie oder auch Institutionen zu kommunizieren. Ich denke also, dass es offenbar eine Menge zu lernen gibt und ich bin auch der Hoffnung, dass wir diese Gelegenheit nutzen können, um wirklich herauszufinden, wie all dies geschah, was erfolgreich war und was wir wirklich im System und der Arbeitsweise erhalten wollen, sowohl im Bildungssystem, als auch außerhalb diesem.

„Bildung ist ein wechselseitiger Prozess“

Welche sind die Vorteile der Verwendung von Technologie?

Kolbrún Pálsdóttir: Ich denke, ein Teil davon ist es, die Schüler einzubinden, denn Bildung und Lernen sind ein wechselseitiger Prozess zwischen einem Individuum und dem Lehrer, dessen Mitschülern und dem Umfeld und Technologie eröffnet eine gänzlich neue Ebene von Möglichkeiten für Interaktion, um Daten zu teilen, zusammenzuarbeiten, sowohl auf einem lokalen, als auch internationalen Niveau. Es eröffnet also wirklich neue Möglichkeiten, ich meine, es ist großartig gewesen, mitzuverfolgen, wie es Ausbildner und Schüler geschafft haben, Dinge voranzutreiben während den schwierigen Zeiten von COVID. Es ist klarerweise eine Krise, aber wir müssen auch die Silberstreifen am Horizont beachten, es gibt also Silberstreifen in dieser Krise.

Schüler ärmerer oder bildungsfernerer Herkunft haben meist geringere Chancen auf eine gute oder höhere Bildung. Denken Sie, dass Technologie dies lösen – oder zumindest helfen kann bei diesem Problem unfairen Bildungszugangs?

Kolbrún Pálsdóttir: Sie kann, auf jeden Fall, aber Sie kann auch ein Hindernis darstellen, da nicht alle Familien oder Schüler Zugang zu denselben Technologien haben, die die meisten von uns in der westlichen Gesellschaft besitzen müssen. Wir müssen uns also immer daran erinnern, dass Technologie ein Werkzeug ist, ein Mittel zum Zweck und es geht in Wirklichkeit nur darum, wie wir dieses nutzen.

„Junge Menschen sind sehr oft ihrer Zeit etwas voraus“

Wie sollte Technologie in den Lehrplan und den Unterricht integriert werden?

Kolbrún Pálsdóttir: Das ist eine große Frage und offensichtlich auf viele verschiedene Weisen. Es sollte nur nicht der Schwerpunkt werden, da – wie ich bereits gesagt habe – wir nutzen Technologie, aber wir sollten sie nicht die ganze Zeit verwenden. Jedoch denke ich, der Jugend zu erlauben, zu partizipieren, jungen Personen, die sehr oft ein wenig ihrer Zeit und auch der ihrer Lehrer voraus sind, zu erlauben, diese Technologien zu verwenden und deren Lehrer zu zeigen, wie sie Technologie verwenden, um zu kommunizieren, an Projekten zu arbeiten, an Hausaufgaben, etcetera. Und all das Interessante, ihre außerschulischen Aktivitäten, ihre Freizeitbeschäftigungen, ihre Interessen. Das ist, was junge Menschen heutzutage machen. Sie sind online, beschäftigen sich mit all dem. Da draußen gibt es eine Welt, mit der sich die Schule verbinden muss, denke ich. Und dies geschieht durch die Schüler, indem die Nutzung von Technologie, Social Media und andere Werkzeuge, die Technologie bietet, gestattet wird.

Sie haben erwähnt, dass es wichtig sei, denn Fokus auf den Inhalt, statt der Technologie, die dahintersteht, zu richten. Sehen Sie auch das Problem oder die Möglichkeit, dass es in die falsche Richtung gehen kann, sodass der Fokus auf die Technologie gelenkt wird und dies ablenkend sein könnte?

Kolbrún Pálsdóttir: Ich denke, dass es, wie Sie gesagt haben, wirklich wichtig ist, darüber statt der Technologie selbst nachzudenken. Wir müssen aber auch Personen beibringen, wie man Technologie benützt und auch vorsichtig vor möglichen Gefahren zu sein. Technologie ist ein riesiges Wort, also wenn Sie Technologie im Klassenraum sagen, könnten wir über Social Media, Computer, das World Wide Web, etcetera sprechen. Also darüber nachzudenken, wie wir unser Leben strukturieren und wie Technologie unser Leben beeinflusst, ist auch wirklich wichtig.

32bfc-beitragsbild-13png Laut Pálsdóttir sind junge Menschen in Sache Technologie oftmals ihrer Zeit voraus. Foto: Pressmaster

Diese Fähigkeiten sind für die Zukunft unerlässlich

Technologie und mit ihr auch die Arbeitswelt entwickeln und ändern sich schneller denn je. Welche Fähigkeiten sind unerlässlich, um Schrittzuhalten und bereit für 2050 zu sein?

Kolbrún Pálsdóttir: Das ist eine riesige Frage, eine wirklich gute. Welche sind die Fähigkeiten, die wir für die Zukunft brauchen? Klarerweise denke ich, dass eine wichtige Kompetenz – und viele sprechen darüber – Literalität und Literalität in einem wirklich weiten Sinn. Medienkompetenz, Informationskompetenz, etcetera. Also fähig zu sein, Daten zu sammeln, zu lesen, verstehen, reflektieren, analysieren und interpretieren und Gebrauch von den Informationen rund um uns zu machen. Das ist also eine der Hauptfähigkeiten, eine Art Kernkompetenz. Und dann können wir über diese, die oft als 21 century skills bezeichnet werden, die Soft Skills sprechen, also Kreativität, Kritisches Denken, Kommunikationsfähigkeiten und Kooperationskompetenzen. Und wie Sie wissen, wenn wir über die Bedeutung von Technologie in unserem Leben nachdenken, müssen wir auch über uns selbst und unsere Verbindungen zu anderen Menschen und wie Personen Gebracuh von Maschinen machen, nachdenken.

Sie haben Medien- und auch Informationskompetenzen erwähnt. Könnte man also sagen, dass wir in einem Jahrhundert leben, in denen wir großen Mengen an Informationen ausgesetzt sind, sehen Sie also auch eine Art an Überinformation?

Kolbrún Pálsdóttir: Auf jeden Fall. Die ganze Welt liegt unter unseren Fingern auf dem Bildschirm. Wir können jede Art an Informationen erlangen. Aber wie stichhaltig sind diese? Wie können wir wissen, ob die Quellen zuverlässig sind und haben wir das Urteilsvermögen, um zwischen falscher und vertrauenswürdiger Information zu unterscheiden? Hier kommt die Bildung ins Spiel und deswegen müssen wir uns auf diese Fähigkeit zu analysieren, kritisch zu sein und reflektieren zu können, fokussieren. Es geht also nicht nur darum, all diese Werkzeuge verwenden und Belege oder Daten oder Informationen sammeln zu können. Wir müssen fähig sein, diese zu verarbeiten, darüber zu reflektieren und diese kohärent zu verstehen.

Kompetenzen vermitteln

Diese Kompetenzen, die Sie vorhin erwähnt haben – Wie können diese gelehrt werden?

Kolbrún Pálsdóttir: Das ist das Ziel. Ich meine, das ist schlussendlich die Roll von Bildung. Uns fähiger zu machen und unser Potential als Individuum und Mensch zu erreichen. Klarerweise ist das ein komplexes Projekt, dies zu schaffen und es ist wirklich wichtig, dass wir über Bildung in einem ganzheitlichen Sinn nachdenken. Es ist die Verantwortung der gesamten Gesellschaft ihre Bürger zu bilden, es sind die Familie, die Eltern, dann haben wir die Schule, den Wohlfahrtsstaat, wir haben Jugend- und außerschulische Aktivitäten, wissen Sie, jeder Akteur und jede Ebene in unserer Gesellschaft nimmt auf eine gewisse Weise daran teil.

Sie meinen also, dass große Ganze zu sehen?

Kolbrún Pálsdóttir: Ja, und auch die Bedingungen für uns bereitzustellen, um als Individuen aufzublühen und die Fähigkeiten und Möglichkeiten, selbst zu lernen und belehrt zu werden.

Wir haben eine Menge über Technologie und neue, moderne Wege des Lehrens gesprochen. Denken Sie aber, dass es auch Elemente der konventionellen Bildungsweise gibt, die auch in Zukunft nützlich sein werden?

Kolbrún Pálsdóttir: Ja, ich glaube definitiv. Ich denke, dass wir, wenn wir beobachten, wohin wir uns bewegen, wie die Schulen der Zukunft aussehen werden, auch ein wenig zurück schauen und einen Blick darauf werden, wie die Schule sich entwickelt hat und wie unser Bildungssystem sich gewandelt hat, und daraus lernen müssen. Ich glaube, dass es manchmal auch gut ist, zurück zum Ursprung zu gehen und daran zu denken, zurück zu, zum Beispiel Aristoteles und seine Idee von Bildung, als ein Weg menschlicher zu werden, unsere Fähigkeiten zu entwickeln. Ich denke, dass ist die Art von Kernkompetenz, die sich seit den frühen Tagen nicht geändert hat.

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Auch heute noch hätten die Ideen von Aristoteles Geltung, so die Bildungsexpertin. Foto: Getty Images / thelefty

"Wir müssen immer erfinderisch sein"

Im letzten Jahrhundert lag ein Schwerpunkt auf dem Auswendiglernen. Denken Sie, dass dies heutzutage obsolet ist?

Kolbrún Pálsdóttir: Ich denke nicht, dass es per se obsolet ist, aber ich denke auch nicht, dass es eine Kernübung ist. Aber klarerweise müssen wir uns manchmal Dinge merken, wir müssen in der Lage sein, etwas auswendig zu lernen, aber das ist nicht die Essenz dessen, was wir in der Schule oder der Bildung machen. Aber wir trainieren uns selbst zu analysieren, an Informationen und Daten zu gelangen und diese zu verarbeiten.

Und meist ist es auch schneller, an Informationen zu gelangen oder einfacher Entscheidungen zu treffen, als wenn man ...

Kolbrún Pálsdóttir: Nicht jedes Mal naschlagen muss? Ja, auf jeden Fall.

Einige Länder, beispielsweise Finnland, haben den Schreibschriftunterricht in der Volkschule abgeschafft und stattdessen Maschinschreiben eingeführt. Dieses Vorgehen hat unter Bildungsexperten für gemischte Gefühle gesorgt. Während die einen dies als einen Schritt in die richtige Richtung sahen, hoben die anderen dessen Bedeutung für die kognitive Entwicklung hervor, die auch durch mehrere Studien bestätigt werden konnte. Wie stehen Sie dazu und denken Sie, dass traditionelle und moderne Formen der Bildung miteinander verknüpft werden sollten?

Kolbrún Pálsdóttir: Bedenken Sie, was ich vorhin gesagt habe. Ich denke, dass es nicht wirklich wichtig ist, welche Technik wir verwenden oder ob wir Kindern beibringen, mit einem Stift oder Bleistift zu schreiben oder den Computer zu verwenden, ich denke nicht, dass das die Hauptfrage ist. Ich denke, dass es sehr wichtig ist, verschiedene Arten von Ansätzen zu nutzen. Ich würde mir also nicht wünschen, dass meine Kinder nur am Computer lernen, ich möchte, dass Sie lernen zu schreiben und auch zu malen und Theater zu spielen und zu singen und kochen. Ich denke die meisten der Eltern möchten, dass ihre Kinder eine Reihe an Aktivitäten erfahren, sowohl im Rahmen des Bildungssystems, als auch durch non-formale Aktivitäten.

Sie sehen also eine Wichtigkeit für Kreativität in den kommenden Jahren?

Kolbrún Pálsdóttir: Auf jeden Fall. Ich denke, dies ist eine der wichtigsten Elemente der Zukunft.

Weshalb denken Sie dies?

Kolbrún Pálsdóttir: Wir müssen immer erfinderisch sein. Wir versuchen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, wir sehen uns immer neuen Hindernissen ausgesetzt und jetzt haben wir auf einer globalen Ebene diese riesigen Herausforderungen, mit dem Klimawandel, mit CoViD-19. Kreative Lösungen zu schaffen ist also offensichtlich der Schlüssel zum Erfolg. Und wir müssen junge Menschen in diesem Prozess involvieren.

Wir könnten also sagen, dass eine Krise auch eine Möglichkeit, eine Chance für etwas Neues, für Innovationen sein könnten – etwa die Klima- oder COVID-19-Krise?

Kolbrún Pálsdóttir: Ja, definitiv.


Das Interview mit Kolbrún Pálsdóttir führte YNA Herausgeber Antonio Morelli am 11. August 2020 im Rahmen der International Youth Summer School 2020 in Reykjavík, Island. Übersetzung aus dem Englischen von Antonio Morelli.  Das Interview wurde aufgezeichnet und kann hier angesehen werden (in englischer Sprache):

Education for the future: Which skills will be essential for 2050?